Eine Frau steht in einem Konferenzraum an einem Whiteboard.

Arbeitswelt Chef sein - nein, danke?

Stand: 24.07.2024 10:08 Uhr

Umfragen zeigen: Immer weniger junge Menschen treibt es in die Chefetage. Denn hohe Gehälter allein reichen als Anreiz nicht mehr aus.

Von Bo Hyun Kim, ARD-Finanzredaktion

Es gibt das gängige Vorurteil, die Generationen Y und Z seien zu bequem, um Verantwortung zu übernehmen. Tatsächlich zeigen Umfragen: Chef sein ist keine Sehnsucht bei Menschen unter 30. Doch der Schluss sei zu kurz gegriffen, erklärt Myriam Bechtoldt, Professorin für Leadership an der European Business School in Oestrich-Winkel. Die jüngeren Generationen hätten oft an ihren Eltern sehen können, was ständige Überarbeitung und hohe Verantwortung anrichten können, und wollten diese Art des Teufelskreises nicht wiederholen.

Stattdessen seien gute Arbeitsbedingungen nicht nur Priorität, sondern für viele auch Bedingung an den Arbeitgeber: "Viele junge Menschen sind mehr an Work-Life-Balance, Selbstverwirklichung und nachhaltigen Arbeitsbedingungen interessiert als an hohen Gehältern und Status." 

Generationenunterschiede? Fehlanzeige

Auch für ältere Generationen sei eine gesunde Arbeitsatmosphäre, ein spannendes Arbeitsumfeld und Entwicklungsmöglichkeiten wichtig gewesen. Der Unterschied sei, dass junge Menschen heute aufgrund des Fachkräftemangels am längeren Hebel säßen. "Vielleicht hätten frühere Generationen auch gerne genau das verwirklicht, was sich junge Menschen wünschen. Sie hatten aber nicht die Durchschlagskraft am Arbeitsmarkt, wie das junge Generationen heute haben."

Flexible Arbeitszeiten, Home-Office-Möglichkeiten und zusätzliche Benefits wie Firmenfahrräder oder private Smartphones als Lockmittel für junge Arbeitnehmer seien verbreitet. Viel wichtiger sei jedoch, dass Unternehmen eine klare Vision und Sinnhaftigkeit vermitteln können, um potenziellen neuen Mitarbeitern zu zeigen, wofür sie arbeiten und welchen Beitrag sie leisten insbesondere in verantwortungsvollen Rollen. 

Ungerechtigkeit als abschreckender Faktor

Ein Thema, dass ihr immer wieder begegne, sei die Frage nach Gerechtigkeit. Für junge Menschen könne es nahezu abschreckend wirken, in einem Unternehmen Karriere zu machen, wenn die Gehaltunterschiede zwischen Mitarbeitern und Chefetage groß seien. "Wenn der CEO 180-mal so viel verdient wie der durchschnittliche Angestellte im Unternehmen (…), dann löst das einfach ein Gefühl von massiver Ungerechtigkeit aus." 

Unternehmen müssten darauf achten, dass die Gehaltsstrukturen als gerecht empfunden werden, um die Motivation und Bindung ihrer Mitarbeiter zu halten. Hohe Gehälter hätten ihren traditionellen Anreiz verloren. Geld sei wichtig aber heute nur noch ein notwendiges Kriterium, erklärt Bechtoldt.  

Erfolg und Risikobereitschaft werden honoriert

Und: Wer viel verdient, muss sich oft rechtfertigen. Die neuesten Zahlen einer Studie der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. (DSW) zeigen, die Gehälter der Top-Führungskräfte in Deutschland steigen. Die Debatte über gerechte Gehälter steht nach Einschätzung von Gerhard Minnameier, Wirtschaftsethiker von der Goethe Universität Frankfurt, immer wieder im Raum. Es gehe dabei nicht unbedingt um Neid: "Es ist eher eine Gerechtigkeitsfrage. Viele Menschen sehen ein Problem darin, dass die Einkommensunterschiede so groß sind. Dies führt zu einem Gefühl der Ungerechtigkeit.“ 

Minnameier vergleicht Gehälter für Führungskräfte mit dem Vorgehen im Profifußball. Um die besten Talente zu bekommen, müsse man hohe Summen bieten. Schließlich würde sich das auch lohnen, wenn eine Führungskraft das Unternehmen nach vorne bringt. Und auch das Risiko sei groß. "Manager tragen eine hohe Verantwortung und haben ein großes Risiko, ihre Position zu verlieren, wenn sie die Erwartungen nicht erfüllen." 

Die Diskussion über gerechte Löhne für Spitzenkräfte sei insbesondere in Deutschland stark vertreten. Große Gehaltsunterschiede werden hier traditionell kritischer gesehen als beispielsweise in den USA: "In den USA sind hohe Managergehälter mit hohen Einkünften der Beschäftigten und einer florierenden Wirtschaft verbunden. Das wird dort als gerechtfertigt angesehen, während in Deutschland häufig ein Nullsummendenken vorherrscht."

 

Bald fehlen 190.000 Führungskräfte

Die Folgen der Scheu vor der Chefetage hat jetzt schon Folgen. Das Institut für Mittelstandsforschung prognostiziert, dass bis zum Jahr 2026 rund 190.000 Unternehmen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger in der Geschäftsführung suchen werden. Bewerbungen sind heiß begehrt.