Ein ukrainischer und ein deutscher Soldat stehen neben dem Flugabwehrsystem Iris-T.
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IRIS-T-Ausbildung in Deutschland Wie Ukrainer am Flugabwehrsystem trainieren

Stand: 03.03.2023 06:00 Uhr

In Deutschland werden gerade ukrainische Soldaten am Flugabwehrsystem IRIS-T ausgebildet. Der Ort wird ebenso geheim gehalten wie Details des Trainings. Erstmals hat nun die Bundeswehr Einblicke in die Ausbildung gewährt.

Von Kai Küstner, ARD Berlin

Wenn es um IRIS-T geht, überlässt die deutsche Luftwaffe nichts dem Zufall: Filme, Fotos oder Tonaufnahmen vom Training an dem Flugabwehr-System? Strikt verboten. Die Identitäten von deutschen Ausbildern und ukrainischen Auszubildenden? Streng geheim. Der Ort des Trainings? "Irgendwo in Deutschland" - bitte keine genaueren Angaben.

Die wenigen Medienvertreter - es sind genau drei - denen die Bundeswehr nun erstmals einen Einblick gewährt, müssen ihre Mobiltelefone abgeben. In CIA-Thriller-Manier werden die Geräte in einem silbernen, Aluminium-beschichteten und mit Schaumstoff ausgekleideten Aktenkoffer weggeschlossen. Kein ortbares GPS-Signal soll nach außen dringen, die Smartphone-Daten sollen nicht angezapft werden können.

Moskaus brennendes Interesse an IRIS-T

Warum aber hier so viel Geheimhaltung, wo doch vor wenigen Tagen Dutzende Journalisten ohne strenge Auflagen den Ukrainern beim Üben mit dem "Leopard"-Kampfpanzer in Munster zusehen durften? "IRIS-T-SLM ist ein 'game changer' bei der Luftverteidigung. Die russische Invasion wird sich nur stoppen lassen, wenn die Ukraine ihren Luftraum freihalten kann", so lautet die Antwort eines Vertreters der Luftwaffe. Deshalb interessiere man sich in Moskau brennend für dieses Gerät. In Deutschland fürchtet man, dass Ausbilder und Auszubildende von russischer Seite bedroht werden könnten.

Die ukrainischen Soldaten, die an diesem Ort, der nicht genannt werden darf, ausgebildet werden, geben sich davon gänzlich unbeeindruckt. Etwa 40 Männer sind es, die hier sechs bis sieben Wochen lang einen IRIS-T-Crashkurs absolvieren. Sie treibt weniger die Sorge um sich selbst als die Sorge um ihre Heimat um: "Es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier in friedlicher Umgebung zu sein, während unsere Kameraden und unsere Familien zurückgeblieben sind", berichtet Anatolii, dessen echter Name nicht preisgegeben werden darf.

Jeden Tag verfolge er die Nachrichten, telefoniere mit seiner Familie. Die Ukrainer benutzen dazu übrigens von der Bundeswehr zur Verfügung gestellte Handys. Auch der stämmige Myckhailo (Name ebenfalls geändert) erzählt mit ernster Miene, dass er Probleme habe, sich an das fast idyllische Umfeld zu gewöhnen. Und fügt dann mit einem Schmunzeln an: "Vor einigen Tagen ging hier die Sirene los. Es hörte sich an wie bei uns das Warnsignal vor Luftangriffen. Aber es war nur der Feueralarm."

Ukrainische Soldaten mit großem Lerndrang

Es ist den ukrainischen Soldaten anzumerken, dass sie vor allem ein Ziel vor Augen haben: In möglichst kurzer Zeit so viel wie möglich zu lernen - um dann wieder in die Heimat zurückzukehren und zu kämpfen. Sehr konzentriert gingen sie zur Sache, bestätigt anerkennend einer der deutschen Ausbilder: "Die setzen sich abends nach dem Training auch von selbst nochmal an den Rechner."

Das erste sichtbare Zeichen auf dem in ein Waldstück eingelassenen Bundeswehr-Gelände des IRIS-T-Systems ist sein Radar: Das dreht sich und ragt - auf einen Lkw montiert und auf einen Hügel platziert - knapp über die Baumwipfel hinweg. Es sorgt im Einsatzgebiet dafür, dass heranfliegende Flugobjekte - Kamikaze-Drohnen, Marschflugkörper, Flugzeuge - überhaupt entdeckt werden können.

Ein paar Meter entfernt davon steht das IRIS-T-Herzstück, die in einen spartanischen Container verbaute Kommandozentrale. Sechs Touchscreen-Bildschirme, auf denen alles zu sehen ist, was sich im Luftraum bewegt. Darunter: Ein etwas unscheinbar wirkender 'Fire'-(also Feuer-)Knopf. Ein einziger Druck - und im Ernstfall steigt von den nicht weit entfernt platzierten Abschussrampen mindestens eine Rakete auf, die sich per Infrarot-Sensor ihr Ziel am Himmel sucht und zerstört.

Flugabwehrsystem Iris-T

IRIS-T gilt als "game changer" für die ukrainische Flugabwehr.

Bislang ein deutsches IRIS-T-System geliefert

Das Problem: Diese Raketen sind oft teurer als das, was sie treffen - setzte Russland doch zuletzt bei seinen Angriffen oft kostengünstige iranische Drohnen ein. Es besteht aber kein Zweifel, dass das deutsche Flugabwehrsystem äußerst wirkungsvoll besonders verwundbare Orte in der Ukraine schützen kann: zivile Ziele, Städte und kritische Infrastruktur wie Kraftwerke.

Neulich habe einer seiner Befehlshaber von einer 100-prozentigen Trefferquote berichtet, erzählt Soldat Anatolii. Er mahnt jedoch im selben Atemzug: "Wir brauchen mehr davon". Bislang hat Deutschland ein IRIS-T-System geliefert, weitere drei sind zugesagt. "Wir brauchen zwölf", meint Anatolii.

Pistorius räumt Flugabwehr höchste Priorität ein

"Priorität Nummer eins ist Luftverteidigung, Luftverteidigung, Luftverteidigung", verkündete der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius bereits im Januar. Er umriss damit, was die Ukrainer derzeit am nötigsten bräuchten. IRIS-T ist dabei ein Baustein, auch das "Patriot"-System ist versprochen, der "Gepard"-Flakpanzer bereits seit längerem im Einsatz.

Eben weil man sowohl beim Hersteller als auch bei der Luftwaffe weiß, wie wirkungsvoll IRIS-T sein kann, beschränkt man den Informationsfluss auf das Allernötigste. Dass die ukrainischen Soldaten mit ihrer puren Anwesenheit in Deutschland die Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnten, ist dabei eine unbegründete Sorge. Sie wohnen auf dem Ausbildungsgelände und würden es ohnehin nie verlassen, auch nicht für einen Kaffee- oder Kneipenbesuch, berichtet einer der deutschen Flugabwehr-Experten. Was Soldat Myckhailo bestätigt und noch anfügt: "Entspannung ist für Friedenszeiten - für die Zeit nach dem Krieg."

Kai Küstner, Kai Küstner, ARD Berlin, 03.03.2023 06:07 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. März 2023 um 06:50 Uhr.