Menschen in einer Disco
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Sylt-Video Von der Neonazi-Parole zum Sommerhit

Stand: 13.07.2024 13:03 Uhr

Auch Wochen nach der Empörung über das Sylt-Video wird "L'amour toujours" mit Neonazi-Parolen gegrölt - auf Partys, in der Schule, bei der Fußball-EM. Es ist nicht der erste Fall, bei dem ein Lied umgetextet wird.

Von Fritz Lüders und Nils Altland, NDR

Was kommt einem in den Sinn, wenn man an Sylt denkt? In letzter Zeit womöglich ein Video von jungen Menschen, die auf der Terrasse der Sylter "Pony Bar" feiern. Während die Sonne untergeht, tanzen sie zu dem Eurodance-Hit "L'amour toujours". Manche strahlen vor Freude in die Kamera - und rufen "Deutschland den Deutschen, Ausländer raus".

Das sogenannte "Sylt-Video" steht für viele exemplarisch für die Verknüpfung des Partylieds mit der rechtsextremen Parole. Dabei war Sylt längst nicht der erste Vorfall. Recherchen der NDR-Medienredaktion ZAPP zeigen, wie die Neonazi-Parole schon seit langem zu "L'amour toujours" gesungen wird, wie sie ihren Weg aus Neonazi-Kreisen in die Mitte der Gesellschaft fand - und wie sie sich immer weiter ausbreitet.

Spurensuche in Mecklenburg-Vorpommern

"Diese mediale Entrüstung fand ich irritierend", sagt Marvin Müller, Vorsitzender der Jusos Mecklenburg-Vorpommern. "Dass man plötzlich schockiert ist davon, weil das auf einer Sylt-Party passiert ist."

Müller ist auf Rügen aufgewachsen und erzählt , dass die rechtsextremistische Parole zu der Melodie von "L'amour toujours" in dieser Region bereits seit Jahren gesungen werde: auf Dorf- und Strandfesten, in vollen Regionalbahnen. Häufig angestimmt von Personen in schwarz-weiß-roten Klamotten - Farben der ehemaligen Reichsflagge und ein Code aus der Neonazi-Szene.

Müllers Aussage, solche Vorfälle seit Jahren zu kennen, deckt sich mit weiteren Berichten und mit Kommentaren in sozialen Medien, die ZAPP ausgewertet hat.

Dass die Kombination aus dem Eurodance-Hit und der Neonazi-Parole offenbar schon länger Teil einer rechtsextremen Folklore ist, zeigt auch der erste öffentlich-dokumentierte Vorfall: Im Oktober 2023 - ein Dreivierteljahr vor dem "Sylt-Video" - wird auf einem Erntefest in Bergholz im Osten Mecklenburg-Vorpommerns die Parole zu dem Lied angestimmt.

In einem Video des Vorfalls, das kurz darauf in sozialen Medien kursiert, ist ein junger Mann mit preußischem Adler auf dem Pulli zu sehen. Nach Recherchen von "Katapult MV" handelt es sich um Julian R. Im Februar veröffentlicht ein linkes Recherchekollektiv Fotos, auf denen sie Julian R. bei einem jährlichen Wandertreffen von Rechtsextremen identifizieren. ZAPP hat ihn vor Wochen um Stellungnahme gebeten - aber keine Antwort erhalten.

Der Vorfall zeigt: In dem ersten bekannten Video grölt offenbar mindestens einer aus genau dem Milieu, das Marvin Müller beschreibt: Neonazis.

Von der Neonazi-Parole zum Sommerhit

Dass populäre Musik missbraucht wird, um rechtsextreme Ideologien zu verbreiten, ist keineswegs neu. Schon in den 1920er-Jahren hat sich die nationalsozialistische Bewegung Arbeiterlieder angeeignet. Auch nach der NS-Zeit passierte das immer wieder: Vor 20 Jahren wurden etwa auf den Udo Jürgens-Schlager "Mit 66 Jahren" Holocaust-verherrlichende Parolen getextet. Der Versuch verfolgt stets das gleiche Ziel: rechte Positionen in die Mitte der Gesellschaft zu rücken.

Verändert hat sich hingegen die Strategie. Die Neue Rechte arbeite inzwischen mehr mit Humor, sagt Mario Dunkel, Professor für Musikpädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Durch die ironische Ebene, könne "man immer wieder einen Schritt zurückgehen und sagen: Das war nicht so gemeint", erklärt Dunkel. "Man kann eine extrem rechte Botschaft senden und gleichzeitig sagen: Das war doch nur ironisch."

Die extrem rechte Botschaft verbreitet sich nun auch ohne die Parole - es genügt die Melodie. Die AfD nutzt den Originalsong "L'amour toujours" seit Monaten in TikTok-Videos. Zuletzt sollen AfD-Bundestagsabgeordnete auf ihrem Sommerfest zu dem Lied gefeiert haben. In rechten Online-Shops werden T-Shirts, Schlüsselanhänger und Caps verkauft - bedruckt mit einer Sylt-Silhouette und dem Schriftzug "Döp Dödö Döp".

"Diese Methode heißt Dog Whistle Politics", erklärt Mario Dunkel. "Man hat einen Code, der von zwei Gruppen unterschiedlich gelesen wird. Ein Teil der Hörerinnen und Hörer denkt, das ist einfach eine nette Melodie. Und ein anderer Teil der Hörerinnen und Hörer liest das als 'Ausländer raus'."

Hunderte Nachahmer in ganz Deutschland

Nach ZAPP-Recherchen gab es vor Sylt mehr als 60 polizeilich registrierte Vorfälle. Durch die immense Aufmerksamkeit, die das Video in den Folgewochen bekam, hat sich das Phänomen schlagartig verbreitet.

In ganz Deutschland wird inzwischen die rechtsradikale Parole zu "L'amour toujours" gesungen, in allen Bundesländern, in allen Gesellschaftsschichten, auf Partys, in der Schule, bei der Fußball-EM. ZAPP hat bei allen Landeskriminalämtern, bei Staatsanwaltschaften und einer Meldestelle für Rechtsextremismus angefragt sowie zahlreiche Medienberichte gesammelt. Bis Anfang Juli 2024 wurden insgesamt 389 Fälle medial oder polizeilich erfasst. Das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Ob die Parole aus vermeintlicher Ironie, Provokation oder Überzeugung gesungen wird, ist dabei nebensächlich. Jeder einzelne Vorfall trägt die rechtsextreme Position weiter in die Mitte der Gesellschaft.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen am 10. Juni 2024 um 09:30 Uhr.